Beitrag von Das-Rascheln-im-Unterholz

Nur eine Klage am Rande?

Ein Vorgang, an den wir uns schon beinahe gewöhnt haben: irgendeine Kulturinstitution, irgendein kulturelles Instrument soll eingestampft werden, fusioniert, reduziert, minimiert.

Na und. Gibt es nicht zu viele davon?
Die Barbarei scheint scheibchenweise hereinzubrechen, mal hier, mal dort wird etwas abgeschnitten oder eingespart. Sachzwänge!

Die Situation spitzt sich inzwischen so zu, dass wir uns fragen müssen, woran uns denn nun wirklich liegt, ob wir eine Kulturlandschaft wie die in den USA auch hier haben wollen, wo alles von privaten Stiftungen und Mäzenen und vom akademischen Betrieb abhängt. Denn entsprechend sieht die Lage dort  auch aus: experimentelle Forschung geht gegen Null, außer es ließe sich aus ihr potentiell irgendwann (und zwar möglichst bald) Profit schlagen.

So können wir es uns jetzt gerade noch leisten, den Blick auf hiesige Verhältnisse zu lenken, die nicht perfekt sind, aber immerhin Produktionsfreiräume und Arbeitsmöglichkeiten bieten, die weltweit ihresgleichen suchen, da wir hier, speziell in Deutschland,  seit Jahrzehnten ein einzigartiges, letztlich maßvolles Subventionierungssystem pflegen, das die Kuratel an bestimmte Fachleute (nicht zuletzt aus dem Rundfunk) gibt, die wenigstens nicht ausschließlich ihrem privaten Geschmack und ihrer persönlichen Eitelkeit folgen, sondern um allgemeine, auch allgemein diskutable Kriterien bemüht sind, die dann in den Diskurs einfließen und Räume für die nächsten und nächst notwendigen Fragestellungen öffnen. So entstehen Werkstatt- und Laborsituationen, um neue Dinge auszuprobieren, und auch: um zu scheitern, mit dem, was man ernsthaft versucht hat – wie das bei allen Experimenten eben so ist. Aber im Tausendstel-Bereich, würde ich sagen, gelingt dann auch das eine oder andere, was dann gar nicht besonders spektakulär daher kommen muss, aber es geschieht, dass etwas stimmt und aufgeht und konkretisiert und sich löst und einlöst  und Licht ins Dunkel wirft.

Und dann hat sich auch der ganze Aufwand gelohnt.

(Ich denke jetzt z.B. an einige Uraufführungen innerhalb der Donaueschinger Musiktage, manchmal nur ein, zwei Stücke von vielleicht zwanzig an einem Wochenende, die dann aber die Vielzahl anderer Werke im guten Sinne überstrahlen und mit einlösen.)

Nun soll mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg eines der vorzüglichsten experimentellen Instrumente der Gegenwartsmusik eingedampft und letztlich zerstört werden.

Gerade hier gibt es eine Tradition des Forschergeistes, der direkten zeitgenössischen Wertschöpfung, der größtmöglichen Seriösität in der Umsetzung aktueller wie historischer Partituren und Projekte. Eine Art “Ensemble Modern in groß”, zumindest was die Fähigkeiten der Mitglieder und die kollektive Moral angeht.

Auch wenn kaum jemand der im Rundfunk Verantwortlichen sich für solch eine Arbeit aus eigenem Antrieb heraus tiefgreifender interessieren sollte, müsste ihnen doch wenigstens klar sein, dass hier eine konkrete gesellschaftlich-kulturelle Ressource zur Disposition steht, deren Wert innerhalb und durch  ästhetische Forschung die  gesamte Gesellschaft irgendwann angeht und betrifft und hierfür nicht hoch genug in ihrem Wert einzuschätzt werden kann.

Ästhetische Forschung ist gesellschaftliche Grundlagenforschung.

Man könnte hier eine ausufernde Liste von Phänomenen anführen, wo in Modell- und Laborsituationen Dinge, Prozesse und plastische Ereignisse vorgedacht, vorgearbeitet wurden, die womöglich erst einmal im Unterholz verschwanden, um sich später in großen Teilen der Gesellschaft ausgiebiger Nutzung zu erfreuen.

Allein das Kommunikationsdesign hat sich in den letzten Jahrzehnten gründlich und flächendeckend an den so genannten experimentellen Künsten bedient, was dann z.B. zu Werbung wurde und Verkaufszahlen fördern geholfen hat.

Um so etwas muss es bei diesem Orchester heute nicht unbedingt gehen. Allein es geht um nichts geringeres als um die Frage, ob Europa sich und seine Kultur und die lebendigen Anteile seiner geistigen und künstlerischen Produktion einfach so aufgeben will an die Gedanken des so genanntne freien Marktes und der Deregulierung, die im Begriff sind alles einzuebnen, plattzubügeln, im Sinne eines überbordenden Neoliberalismus, der sich um Quoten, um privaten Gewinn, um Massenbespielung der finstersten Art bekümmert, aber nicht um geistigen Gehalt und den Wert freier künstlerischer Produktion.

Wenn wir kollektive Instrumente von der einzigartigen Qualität der beiden SWR-Orchester aufgeben und kurzfristigen wirtschaftlichen Erwägungen opfern, produzieren wir den unverantwortlichsten Kahlschlag des Jahrhunderts und eine Art geistiges Vakuum für nachfolgende Generationen.

Es braucht des bewussten Engagements aller, sich dem entgegenzustellen.

Jede Person in Europa, die nicht bei MTV (so wie es heute ist) und Phillip Morris enden will, muss sich aufgefordert sehen, jetzt ihre Stimme deutlich  zu erheben und sich den Protagonisten des verflachenden Mainstreams in den Weg zu stellen.

Das-Rascheln-im-Unterholz       März 2012

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