Eine Reaktion auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT von Harald Muenz

Die Unsinkbarkeit der “guten alten Fregatte” Kultur wird noch immer behauptet, obwohl sie längst zur absaufenden Titanic degeneriert ist. Dabei ist die Argumentation des SWR-Intendanten zynisch: ausgerechnet die Fusion des SR-Orchesters mit dem RO Kaiserslautern muß nun als Kronzeugin dafür herhalten wie vermeintlich gut solche Zusammenschlüsse funktionieren. Die inhaltliche Arbeit der beiden SWR-Orchester in Baden-Baden und Stuttgart kann damit überhaupt nicht verglichen werden. Zudem würde diese Aktion zum endgültigen Dammbruch für das “Es geht also doch” (Boudgoust) führen – in dessen Folge man damit beginnen kann, diejenigen Kultureinrichtungen des SWR (und darüber hinaus), die jetzt noch mal eben als leuchtende Beispiele dienen, ebenfalls zu zerstören.
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Reaktion auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT von Franz Martin Olbrisch

Vieles wurde bereits gesagt und jedes Wort jeder Buchstabe scheint eine unsinnige Wiederholung hervorzubringen. Die Gräben sind bereits tief ausgehoben, der Stellungskrieg hat längst begonnen. Hier Peter Boudgoust, Intendant des SWR, ein vom bösen aber unvermeidlichen Sparzwang Getriebener, dort die von ihm als “exklusives wie esoterisches Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen” bezeichnete Schar der Hüter einer “wahren” Kultur. Zugegeben, die Bezeichnung “exklusives wie esoterisches Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen” ist für einen Intendanten mehr als eine blamable und äußerst ungeschickte Äußerung. Mancher Politiker musste für ähnliches diplomatisches Ungeschick schon seinen Hut nehmen. Aber wollen wir das Polemisieren nicht weiter eskalieren und Herrn Boudgoust ehrliche Absichten voraussetzen. Weiterlesen

Gedankensplitter als Versuch einer Antwort auf Herrn Boudgousts Artikel in DIE ZEIT

Kultur - wozu!?
mts, Madrid 11042012

Herr B. schreibt von einem “exklusiven wie esoterischen Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen”. Damit sind wir gemeint! Während Herr B. wohl die Interessen des Gemeinwohls vertritt. Was aber geschieht, wenn wir das Radio einschalten und dem allgemeinen Nudelfunk ausgeliefert sind. Dient das dem Gemeinwohl? Dient das Genudele der Allgemeinheit? (Die Welle SWR 2 ist da übrigens neben wenigen anderen noch eine sehr löbliche Ausnahme. Die würden wir gerne erhalten.)

Herr B. vertritt eine Meinung aus der Mitte der Gesellschaft. Alles klingt sehr wohl abgewogen und vernünftig. Da erscheinen wir, die “Hüter ausschließlich eigener Interessen” (auch unser ehemaliger Innenminister Gerhart R. Baum ist ein solcher) wie ein kollektiv esoterischer Rumpelstielzchen, ein Klub von Besserwissern, der dem Rest der Gesellschaft seinen Geschmack diktieren will. Genau. Ja, so ist es. Es geht um die Grundlagen des Ästhetischen. Ein Forschungsgebiet, das mit Öffentlichkeit zusammenhängt. Muss sich die Grundlagenforschung der Naturwissenschaften etwa irgendwelchen populären Maßregelungen beugen? Weiterlesen

Leserbrief von Helmut Lachenmann in Bezug auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT

Bezug nehmend auf den Beitrag „Rückwärtsgewandt“ von Peter Boudgoust
im Feuilleton  DIE ZEIT  Nr. 14 vom 29.März.
Leonberg, 4.4.12        Helmut Lachenmann

Der Intendant des SWR,  Herr Boudgoust,  schickt seiner Rechtfertigung des gespenstischen Vorhabens, die beiden Sinfonie-Orchester von Stuttgart und Freiburg/Baden-Baden zu fusionieren, vulgo: kaputt zu sparen,  vorsorglich voraus, dass er die Fünfte Sinfonie von Schostakovitsch  „mag“.  Vor allem, wenn die Balance stimmt zwischen…“ usw.  Ein echter Kenner und Liebhaber.  Gleich nach der Sportschau wird er sie sich reinziehen: immerhin nicht ganz unzeitgenössisch und  fast so „packend“ wie „Fußballmomente“. Wahrscheinlich „mag“  er auch Bachs Matthäuspassion, Mozarts Requiem und Schuberts „Winterreise“, und die Polowetzer Tänze.  Wer kann einem solchen Feinschmecker Kunstfeindlichkeit unterstellen.  Indes: solch gastronomisches Verhältnis zu dem, was uns als Kunst anvertraut ist, lässt über jene durchaus damit kompatiblen  Fusionsabsichten hinaus auf die Dauer Schlimmes befürchten auch  für  jene Einrichtungen – elektronisches Studio, Vokalensemble, Donaueschinger Musiktage,  die Herr Boudgoust eher nolens als volens in seinem Wirkungsbereich vorgefunden hat, und deren er sich  hier schlau brüstet. Aber mit Verlaub:  ganz bestimmt „mag“ er nicht – wovon er dabei spricht. Und die nächste Sparbarei kommt bestimmt. Weiterlesen

Beitrag von Das-Rascheln-im-Unterholz

Nur eine Klage am Rande?

Ein Vorgang, an den wir uns schon beinahe gewöhnt haben: irgendeine Kulturinstitution, irgendein kulturelles Instrument soll eingestampft werden, fusioniert, reduziert, minimiert.

Na und. Gibt es nicht zu viele davon?
Die Barbarei scheint scheibchenweise hereinzubrechen, mal hier, mal dort wird etwas abgeschnitten oder eingespart. Sachzwänge!

Die Situation spitzt sich inzwischen so zu, dass wir uns fragen müssen, woran uns denn nun wirklich liegt, ob wir eine Kulturlandschaft wie die in den USA auch hier haben wollen, wo alles von privaten Stiftungen und Mäzenen und vom akademischen Betrieb abhängt. Denn entsprechend sieht die Lage dort  auch aus: experimentelle Forschung geht gegen Null, außer es ließe sich aus ihr potentiell irgendwann (und zwar möglichst bald) Profit schlagen.
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Kurzbeitrag von Peter Eötvös

Ich dirigiere beide Orchester regelmässig seit mehr als 30 Jahren und
weiß genau um deren jeweilig hohen Qualitäten. Beides sind
Weltklasse-Orchester mit unterschiedlichen Charakteren. Eine
Zusammenlegung ist für mich unvorstellbar. Um einen Vergleich aus der
Sportwelt zu nehmen: man kann sehr viel Geld sparen, wenn man eine
Schwimmhalle mit einem Tennisplatz zusammenlegt – die Oberflächen sind
ja fast identisch.

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Beitrag von Pi-hsien Chen

Die Fähigkeit des SWR Sinfonieorchesters Baden-Baden/Freiburg, vorhandene und
zukünftige Musik auf höchstem Niveau zu verwirklichen, ist beispielhaft und einzigartig in der Welt.
Es hat großen Komponisten die Geburten großer Werke ermöglicht. Sie ist eine lebendige Errungenschaft der Menschheit. Sie gilt es zu halten und zu pflegen.
Die beiden Rundfunkorchester des SWR sind so verschieden geformt durch ihr
Repertoire und ihr Publikum und nicht zuletzt durch jede individuelle Musiker-Person, aus der ein Orchester besteht. Sollten wir junge Menschen an den Musikschulen und Hochschulen denn für ihre zukünftige Arbeitlosigkeit ausbilden?
Mit vereinten Kräften sollten wir uns eher Länder wie Venezuela und Kenia zum Vorbild machen, die Kinder von der Straße zum Musizieren verführen. Aus China betrachtet ist Deutschland das Land der Kultur: die klassische Musik als Philosophie wird nicht nur als Geschichte und Bildung betrachtet, sondern ist Bestandteil des hiesigen Lebensstandards
und formt unser Denken und Bewußtsein. Deutschland ist sich der Einzigartigkeit seiner elitären Einrichtungen nicht bewußt, die das Niveau der Kultur in der Welt bestimmen.
Sie hat viele Kulturgüter hervorgebracht! Sollten wir das Geistige Schritt für Schritt zerstören?

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Beitrag von ed

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

wie Sie wissen, wird das Geld auch in der Denkmalpflege immer knapper. Wir
haben uns daher vorausschauend und in wohlverstandener Fürsorge im ersten
Planungsschritt dazu entschlossen nicht nur die Bauhütten des Mainzer Domes
und des Freiburger Münsters zusammenzulegen, nein, wir wollen nun auch
einen Superdom aus eben diesen beiden genannten Gotteshäusern, die unser
aller Stolz sind, bauen. Gerne nehmen wir übrigens Vorschläge für einen
geeigneten Standort von Ihnen an.

Warum haben wir uns zu diesem ebenso mutigen wie schwierigen Schritt
entschlossen?
Wie Sie wissen, schwindet die Akzeptanz der Kirchen bei uns im Land. Das
macht nicht zuletzt die große Zahl der Kirchenaustritte deutlich. Im
übrigen, schauen Sie mal, wer von Ihren Kolleginnen und Kollegen in den
vergangenen Monaten überhaupt einmal in einer Kirche war. Aufgrund der
angespannten Haaushaltslage und, weil wir in allen Bereichen von der
Bildung bis zu den Schwimmbädern alles auf den Prüfstand legen werden,
können auch das Freiburger Münster und der Mainzer Dom nicht von den
Sparüberlegungen ausgenommen werden. Wir haben berechnet, dass, wenn wir
jetzt nicht verantwortungsvoll handeln, uns die Mittel zum  Erhalt der
Gebäude – die Personalkosten sind da noch nicht einmal eingerechnet – in
zehn Jahren nicht mehr für alle Gebäudeteile zur Verfügung stehen werden.
Mittelfristig müssten die Krypta und der Altarbereich wegen drohender
Einsturzgefahr abgesperrt werden. Im Vergleich mit anderen Kirchen, die
übrigens wie der Köner Dom in Köln oder Notre Dame in Paris  im
Kirchenranking durchaus weiter vorne liegen, würden unsere beiden Kirchen
touristisch nicht mehr attraktiv sein.

Alle Pläne sind noch diskutierbar. Es gibt drei Varianten:
1.- Sowohl der Mainzer Dom als auch das Freiburger Münster kooperieren mit
Mac Donalds oder Burger King und finanzierenihren Erhalt über Hamburgers
und/oder Fritten.
2. Wir bauen den Mainzer Dom zurück zur Friedhofskapelle und stellen das
Freiburger Münster als Leuchtturm und starke Marke heraus, unterstützt von
professionellem Marketing.

oder 3. – und diesen Plan favorisieren wir unbedingt und eindeutig! -: Wir
bauen einen Superdom, der um ein Drittel größer ist als die bisher
bestehenden Kirchenbauten, auf der grünen Wiese.

Bis zum Sommer ziehen wir die Sache durch!

Beitrag von Johannes Schöllhorn

Der schöne Begriff Kultur kommt bekanntlich aus der Landwirtschaft und bedeutet etwas pflegen, einen Acker bestellen. Dass den Verantwortlichen, welche eine „Fusion“ zweier, also de facto die Auflösung eins Orchesters beschließen, der Begriff und der Sinn für diesen Ursprung des Kulturellen abhanden gekommen zu sein scheint, ist schwer übersehbar.
Es mag als Gutmenschentum oder auch als schwache Metapher erscheinen: aber eine Pflanze muss man gießen und pflegen, manchmal auch beschneiden, aber gerade nicht um sie zu vernichten, sondern um sie zur Blüte zu bringen. Und es geht nicht um Blüten, die alle gleich aussehen, sondern um einzigartige Qualitäten und gewachsene Charaktere. Eine verantwortliche Kulturpolitik müsste sich also in das Geschehen begeben und dazu beitragen, dass die Pflanzen, die sie pflegen sollte, gerade nicht ausgerissen oder verstümmelt wird, sondern durch ihre aktive Beteiligung in guter Weise wachsen kann. Sie müsste sich wie ein Gärtner verhalten. Weiterlesen

Beitrag von Reinhard Kretschmann

Die beiden Orchester fusionieren?
Das bedeutet im Klartext doch: kulturelle Ausdörrung der gesamten Rheinschiene im Südwesten. An solch einem Orchester wie dem Baden Baden/Freiburger Ensemble hängt nicht nur eine kulturell hochkarätige Präsentation unseres Landes Baden-Württemberg weit über unsere Grenzen hinaus.
Diese Musiker wirken auch in großem Umfang an der Förderung und Qualifizierung unserer ureigenen Landeskinder mit. Vernichtet man die Existenz dieser Musiker, sind auch die folgenden Generationen von qualifizierter Förderung ausgeschlossen. Es wird eine kulturelle Ödfläche entstehen, in vielem vergleichbar mit dem, was bei unseren west- und südeuropaischen Nachbarn zu beobachten ist. Freuen werden sich die russischen, polnischen und tschechischen Orchester, die die frei gewordenen Plätze – was die Konzertveransgtaltungen betrifft – gerne einnehmen werden.
Dieser einmal begonnene Kahlschlag wird dann seine Fortsetzung finden im Bereich der Musikschulen und Gymnasien und dann . . . in den Theatern, die zunehmend vor leeren Häusern spielen werden. Sie sind vor allem auf ein kuturell gebildetes Publikum angewiesen. Die kommen dann auch in die finanzielle Schieflage und . . . sie werden dann die nächsten Opfer dieser unverantwortlichen, blinden, zukunftsverbauenden Politik sein.
Wie kann man so etwas unserem Land antun?? Mit leichter Hand werden Miliarden Rettungspakete für die großen Verschulder der Finanzkrise geschnürt, (die munter weitermachen wie bisher und schon die nächste große Krise ansteuern.) Hier aber sind den Verwaltungsbürokraten ein paar lumpige Millionen zu viel!
Und man täusche sich nicht: die Schließung [die jetzt als "Zusammenlegung" kaschierte Sparmaßnahme] eines so berühmten Ensembles ist für immer. Ein so hochstehender, in langer Tradition herangewachsener Baum kann nicht einfach gefällt – und dann (falls die Zeiten mal wieder besser werden sollten) wieder schnell zum Leben erweckt werden. Dazu bräuchte es Generationen!

Es ist zu hoffen, dass es noch gelingt, den Mechanikern an den Finanzhebeln die unheimlich düsteren und unabsehbaren Folgen ihrer geplanten Rotstiftaktion vor Augen zu führen und sie nach weniger verhängnisvollen Einsparmöglichkeiten suchen zu lassen.
Unser Land Baden-Württemberg ist letztlich gerade auch wegen seines hohen kulturellen Standards das, was es ist: ein von Vielen nicht nur in Deutschland, sondern auch weltweit beneidetes, prosperierendes Gemeinwesen.

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