Gedankensplitter als Versuch einer Antwort auf Herrn Boudgousts Artikel in DIE ZEIT

Kultur - wozu!?
mts, Madrid 11042012

Herr B. schreibt von einem “exklusiven wie esoterischen Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen”. Damit sind wir gemeint! Während Herr B. wohl die Interessen des Gemeinwohls vertritt. Was aber geschieht, wenn wir das Radio einschalten und dem allgemeinen Nudelfunk ausgeliefert sind. Dient das dem Gemeinwohl? Dient das Genudele der Allgemeinheit? (Die Welle SWR 2 ist da übrigens neben wenigen anderen noch eine sehr löbliche Ausnahme. Die würden wir gerne erhalten.)

Herr B. vertritt eine Meinung aus der Mitte der Gesellschaft. Alles klingt sehr wohl abgewogen und vernünftig. Da erscheinen wir, die “Hüter ausschließlich eigener Interessen” (auch unser ehemaliger Innenminister Gerhart R. Baum ist ein solcher) wie ein kollektiv esoterischer Rumpelstielzchen, ein Klub von Besserwissern, der dem Rest der Gesellschaft seinen Geschmack diktieren will. Genau. Ja, so ist es. Es geht um die Grundlagen des Ästhetischen. Ein Forschungsgebiet, das mit Öffentlichkeit zusammenhängt. Muss sich die Grundlagenforschung der Naturwissenschaften etwa irgendwelchen populären Maßregelungen beugen?

Ich persönlich mag Fußball im Fernsehen. Besonders die dramatischen Stellen, wenn der FC Mainz gegen Borussia Dortmund spielt und auch die intimen Aufnahmen in der Nähe der Trainerbank, wenn gerade ein Tor gefallen ist. Ich mag aber auch Lachenmann. Hilfe! Die Nerds wollen uns die Sportschau wegnehmen!

Einspruch!
Die zeitgenössische Musik ist divers. Ihre Triebwerke ziehen oft in unterschiedliche Richtungen zugleich. Manchmal heben sie sich gegenseitig auf.
Ihr Betrieb, die Szene scheint oft genug nur sich selbst zu genügen..
Die Protagonisten haben sich mit der Gema und den Akademien vebündet und hocken auf ihren angestammten Rechten.
Woher die Forschungsdynamik, die oben postuliert wurde, denn kommen soll, bleibt unklar.

Klar ist, dass ästhetische Grundlagenforschung zunächst oft obsolet, abgestanden, unverwertbar, allzu theoretisch erscheint. Und plötzlich bricht etwas hervor, das dann auch der letzte Werber oder Designer im hinterletzten Kreativ-Büro noch anwendet. Ein Lachenmann, der heute seine verrückten Instrumente aus Orchestern baut, ist ein Kind der abendländischen Musik und regt den ästhetischen Diskurs der Zukunft an.

Wir dürfen die Institutionen und ihre “Organe” nicht abschaffen.
Wir müssen sie von innen heraus reformieren, stärken, wohlmöglich auch umwälzen. Kollektive Instrumente wie beispielsweise die beiden SWR-Orchester müssen erhalten bleiben, jedes für sich in eigenem Charakter und Potential. Sie sind – neben anderen Einrichtungen – geistige und musikalische Forschungsinstrumente, deren besondere Aufgabe es ist, eine der spekulativsten Kunstformen überhaupt, das Komponieren vermittels Partitur, zum Klingen zu bringen, plastisch und anschaulich werden zu lassen. Das mag manchen nicht besonders experimentell erscheinen, ist es aber im Wesentlichen. Denn hier ist das Scheitern inbegriffen. Die wenigsten Stücke sind per se Meisterwerke. Aber war das nicht schon zu allen Zeiten so?

Öffentlich-rechtliche Institutionen sind verpflichtet, uns auch in Zukunft Möglichkeiten zu eröffnen, die in keinem anderem Laboratorium denkbar und möglich sind. Sie sind – besoners in ihren Klangkörpern – überlebenswichtige, unverzichtbare Instrumente unserer Kultur.

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