Leserbrief von Helmut Lachenmann in Bezug auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT

Bezug nehmend auf den Beitrag „Rückwärtsgewandt“ von Peter Boudgoust
im Feuilleton  DIE ZEIT  Nr. 14 vom 29.März.
Leonberg, 4.4.12        Helmut Lachenmann

Der Intendant des SWR,  Herr Boudgoust,  schickt seiner Rechtfertigung des gespenstischen Vorhabens, die beiden Sinfonie-Orchester von Stuttgart und Freiburg/Baden-Baden zu fusionieren, vulgo: kaputt zu sparen,  vorsorglich voraus, dass er die Fünfte Sinfonie von Schostakovitsch  „mag“.  Vor allem, wenn die Balance stimmt zwischen…“ usw.  Ein echter Kenner und Liebhaber.  Gleich nach der Sportschau wird er sie sich reinziehen: immerhin nicht ganz unzeitgenössisch und  fast so „packend“ wie „Fußballmomente“. Wahrscheinlich „mag“  er auch Bachs Matthäuspassion, Mozarts Requiem und Schuberts „Winterreise“, und die Polowetzer Tänze.  Wer kann einem solchen Feinschmecker Kunstfeindlichkeit unterstellen.  Indes: solch gastronomisches Verhältnis zu dem, was uns als Kunst anvertraut ist, lässt über jene durchaus damit kompatiblen  Fusionsabsichten hinaus auf die Dauer Schlimmes befürchten auch  für  jene Einrichtungen – elektronisches Studio, Vokalensemble, Donaueschinger Musiktage,  die Herr Boudgoust eher nolens als volens in seinem Wirkungsbereich vorgefunden hat, und deren er sich  hier schlau brüstet. Aber mit Verlaub:  ganz bestimmt „mag“ er nicht – wovon er dabei spricht. Und die nächste Sparbarei kommt bestimmt.

Dass das bereits aus einer solchen Fusion  verbliebene Orchester Kaiserlautern-Saarbrücken  „in den Feuilletons hochgelobt wird“:  ja,  zum Glück und alle Achtung,  aber umso mehr ein Pech für die Freiburger und Stuttgarter,  denn derlei genügt dem Intendanten schon, um  nun  auch ihnen an  den Kragen zu gehen. Diejenigen, denen es um die Bewahrung jener Orchester als durch all die Jahrzehnte gewachsenen,  nach dem Krieg zu international bewunderten und  in ihrer Physiognomie unverwechselbaren Klangkörpern geht,  nennt er „ein ebenso exklusives wie esoterisches Heer von  Hütern ausschließlich eigener Interessen“.  Verantwortung für die Kultur dort, wo und gerade insofern sie sich kommerziellen Rücksichten entzieht, kann er sich offenbar  nicht vorstellen.  Subventionen?  Nein,  Herr Intendant: Investitionen!  Wer verdient heute nicht alles an seinerzeit so exklusiven wie esoterischen Komponisten wie Bach,  Mozart, Beethoven, Schubert,  oder Schönberg! Aber statt aus der Geschichte der Kunst endlich zu lernen, arrangieren sich die Verantwortlichen  just mit  der vox jenes populi, von dem Thomas Mann einst vorausschauend sprach, als er sagte: „unterm Ausschreien technischer und sportlicher Sensationsrekorde taumelt eine von Verdummung trunkene Menschheit ihrem schon gar nicht mehr ungewollten Untergange entgegen“.  Untergang des Abendlandes? Hihi! Nein, viel schlimmer: Verblödung.

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