Eine Reaktion auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT von Harald Muenz

Die Unsinkbarkeit der “guten alten Fregatte” Kultur wird noch immer behauptet, obwohl sie längst zur absaufenden Titanic degeneriert ist. Dabei ist die Argumentation des SWR-Intendanten zynisch: ausgerechnet die Fusion des SR-Orchesters mit dem RO Kaiserslautern muß nun als Kronzeugin dafür herhalten wie vermeintlich gut solche Zusammenschlüsse funktionieren. Die inhaltliche Arbeit der beiden SWR-Orchester in Baden-Baden und Stuttgart kann damit überhaupt nicht verglichen werden. Zudem würde diese Aktion zum endgültigen Dammbruch für das “Es geht also doch” (Boudgoust) führen – in dessen Folge man damit beginnen kann, diejenigen Kultureinrichtungen des SWR (und darüber hinaus), die jetzt noch mal eben als leuchtende Beispiele dienen, ebenfalls zu zerstören.

Ein Finanzsektor erlaubt sich straflos das Kaputtspekulieren von Währungen ja sogar ganzer Staaten. Ja, wohnen wir eigentlich alle in der Londoner City? Trotzdem strahlt das öffentlich-rechtliche Erste täglich zur allerbesten Sendezeit kurz vor der Tagesschau Börsennachrichten für ein “Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen” (Boudgoust) aus – hier hätte ich mir einen intendantischen Aufschrei schon längst gewünscht.

Wenn ein Intendant schnell behauptet “An dieser Stelle hilft auch kein rückwärtsgewandter kulturhistorischer Diskurs über die Bedeutung der Rundfunkorchester in der Nachkriegszeit weiter und erst recht kein Verweis auf einen angeblichen Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks”, dann sei doch erlaubt nachzufragen: warum nicht? Der Versuch gerade diese Argumente vom Tisch zu wischen ist verräterisch: In ihnen liegt nämlich nichts weniger als die Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen gegenüber dem privaten Rundfunk beschlossen. Und beides sind Aufgaben, die in Zukunft nicht nur erhalten bleiben, sondern gestärkt werden müssen.

Von der Quotenhörigkeit des Rundfunkmachers verläuft eine direkte Linie zum ausschließlichen Denken in Kategorien der Rentabilität. Das bedeutet, daß sich Businessdenken in inakzeptabler Weise fast aller übrigen Bereiche bemächtigt hat. Wir erleben solch ungerechtfertigte und maßlose Zu- und Übergriffe nicht nur in Form der grassierenden Kommerzialisierung von Kunst und Sport, sondern auch bei der Privatisierung von Bildung, Forschung und Gesundheitswesen oder dem Verschwinden genuin hoheitlicher Aufgaben wie staatlicher Daseinsvorsorge und öffentlichem Verkehr. Mit Verlaub: jeder dieser Sektoren hat mit Wirtschaft soviel zu tun wie die Kuh mit dem Eislaufen. Es ist vielmehr offenkundig, daß das einst tragende Eis allerorten eingebrochen ist. Damit stehen der soziale Zusammenhalt und Frieden auf dem Spiel, aber nicht zuletzt auch die kulturelle Standortsicherung im internationalen Maßstab.

Intendanzen sind zutiefst politische Ämter, in denen ich vorausschauende Entscheidungen erwarte, die einem wirtschaftsdominierten Denken in einer angeblichen “Kulturnation” Einhalt bieten, anstatt sich ihm auch noch zu unterwerfen. Den Herausforderungen einer vernetzten Gesellschaft im 21. Jahrhunderts wird man mit Rückbau von Spitzeninstitutionen und Qualitätsverlust in Kultur und Bildung schwerlich gerecht werden können.

Harald Muenz

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