Reaktion auf Peter Boudgousts Artikel in DIE ZEIT von Franz Martin Olbrisch

Vieles wurde bereits gesagt und jedes Wort jeder Buchstabe scheint eine unsinnige Wiederholung hervorzubringen. Die Gräben sind bereits tief ausgehoben, der Stellungskrieg hat längst begonnen. Hier Peter Boudgoust, Intendant des SWR, ein vom bösen aber unvermeidlichen Sparzwang Getriebener, dort die von ihm als “exklusives wie esoterisches Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen” bezeichnete Schar der Hüter einer “wahren” Kultur. Zugegeben, die Bezeichnung “exklusives wie esoterisches Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen” ist für einen Intendanten mehr als eine blamable und äußerst ungeschickte Äußerung. Mancher Politiker musste für ähnliches diplomatisches Ungeschick schon seinen Hut nehmen. Aber wollen wir das Polemisieren nicht weiter eskalieren und Herrn Boudgoust ehrliche Absichten voraussetzen.
Ich mag keinen Fußball (siehe Beitrag “Rückwärtsgewandt” von Peter Boudgoust im Feuilleton DIE ZEIT Nr. 14 vom 29.März.) und vor allem mag ich keinen maßlos überbezahlten Profifußball. Ich mag auch keine überbezahlten Formel 1 Rennen. Vielleicht mag ich nicht einmal Schostakowitsch, aber darum geht es nicht. Es geht weder darum, was Herr Boudgoust mag, noch darum, was ich nicht mag.
Es geht um die Frage: “Kultur wozu?” Es geht schlichtweg darum, ob sich eine Kulturnation wie Deutschland diesen Luxus weiterhin leisten will oder nicht. Und Entschuldigung, diese Frage haben weder Herr Boudgoust noch ich zu beantworten, das liegt schlichtweg nicht in unserer Kompetenz. Das ist eine Frage, die auf breiter Gesellschaftlicher Grundlage diskutiert werden muss. Und das geht nur, wenn alle Argumente offen gelegt werden. Nicht dass wir uns missverstehen, die Fusionierung zweier Orchester im Südwesten der Republik wäre nicht das Ende der Kulturnation, aber sie wäre ein weiterer Schritt in diese Richtung. Und gerade diese Region, die sich gerne damit brüstet, dass sie finanziell besser dasteht als viele andere Regionen, sollte es als seine oberste Pflicht ansehen, die kulturellen Aufgaben der Nation aufrechtzuhalten, wenn anderen Bundesländern die Luft auszugehen scheint und Argumente wie: “In keinem anderen Bundesland unterhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwei große Sinfonieorchester” sollte den SWR eher bestärken, dieses Alleinstellungsmerkmal hervorzuheben anstatt es leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Was bleibt ist die peinliche Ausnahme “wenn man mal vom Sonderfall der ROC GmbH in Berlin absieht” – ausgerechnet das arme Berlin, was ist nur los mit dem Musterländle?
Herr Boudgoust argumentiert gerne mit Zahlen, er redet von den Sportbegeisterten, die ungewollt das ” exklusive wie esoterische Heer…” (die Formulierung wird durch häufige Wiederholung nicht besser) erst finanzieren. Aber er vergisst es, die wirklichen Zahlen offen zulegen. Wie viel Prozent der Rundfunkgebühren landen wirklich im Rundfunk, wie viel wirklich im Kulturradio, wie viel in der Sportberichterstattung und in langweiligen Vorabendprogrammen der Fernsehanstalten, die nur noch angeschaut werden, weil alle anderen Intendanten genau so denken. Herr Boudgoust, legen Sie die Zahlen offen, dann können wir auf Augenhöhe diskutieren!
Wenn alle Intendanten, öffentlich rechtlich wie privat, die gleichen Berater beauftragen, die gleichen Programmstrukturen entwerfen, wofür brauchen wir dann eigentlich noch einen Föderalismus in der Kultur? Wofür brauchen wir dann noch acht ARD-Intendanten? Da ließe sich viel Geld sparen und es kämen wahrscheinlich auch noch bessere Programme dabei heraus. Dann würde man im Fernsehen vielleicht auch einmal die “beste Fernsehserie aller Zeiten” (Salon.com) im deutschen öffentlich rechtlichen Fernsehen sehen können.
Die Rundfunkmacher bekunden bei jeder passenden Gelegenheit, dass sie den Kontakt zum jungen Zuschauer suchen und auch aus diesem Grund die tradierten Kulturprogramme meinen kürzen zu müssen. Aber wenn es darauf ankommt, wird doch lieber der abgehalfterte Gottschalk noch einmal ins Vorabendprogramm gehievt, um dort sein Gnadenbrot zu genießen und der Jugend wird nicht einmal eine HBO-Serie zugestanden. Aber Entschuldigung, ich wollte ja nicht polemisieren.
Dennoch, eins steht fest, ein Intendant, der sein Geld wert ist, zeichnet sich durch Mut und Geschick aus. Er versteht es, seine Trümpfe auszuspielen und lässt sich von temporären Schwankungen nicht irritieren.
Fakt bleibt: in einem 1,4 Milliarden Haushalt lässt sich bei zwei Sinfonieorchestern kein nennenswerter Betrag einsparen. Und darauf zu antworten, man müsse auch die Nebenkosten für Gebäude usw. berücksichtigen, kann einen halbwegs normalen Menschen nur verwundern. Sollen die beiden kleinen Orchester dann auch in kleineren Räumen spielen? Soll ein fusioniertes Riesenorchester im Baden-Badener Hans-Rosbaud-Studio nur noch ohne Publikum spielen, weil der Platz nicht ausreicht? In Freiburg und Stuttgart weicht man ehedem auf externe Gebäude aus. Was ist das für eine seltsame Argumentation?
Legt die Zahlen offen! Dann können wir Euren Argumenten folgen – und bitte, keine Taschenspielertricks.

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